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Der psychologische Test
Das psychologische Experiment

Günter Sämmer

Der "Kleine Albert"

Ein fragwürdiges "klassisches Musterbeispiel" und sein Mythos

Ende 1919 führt Watson zusammen mit Rosalie Rayner jenes berühmte Experiment durch, in dem der Nachweis geführt werden soll, daß emotionale Reaktionen konditionierbar sind (vgl. Watson & Rayner, 1920). Seitdem gibt es kaum ein Lehrbuch der Allgemeinen Psychologie, der Entwicklungs- und der Klinischen Psychologie, in dem nicht wenigstens eine kurze Darstellung dieses Experiments zu finden wäre.

Dabei ist der "Kleine Albert" als paradigmatisches Musterbeispiel kaum zu gebrauchen: Es werden in diesem Experiment die elementarsten methodologischen Grundforderungen des Behaviorismus verletzt (Quantifizierung und systematische Kontrolle der Variablen). Bei genauerem Hinsehen ist es sogar fraglich, ob es am Ende überhaupt zu einer Konditionierung emotionaler Reaktionen gekommen ist (weshalb die Abschlußuntersuchungen in allen späteren Darstellungen des Experiments, auch durch Watson selber, verschwiegen werden!).

Die besondere Bedeutung des "kleinen Albert" in der Rezeptionsgeschichte des Behaviorismus scheint denn auch eher in seiner programmatischen, ja propagandistischen Wirkung zu liegen: Es unterstreicht die "Alltagsrelevanz" behavioristischer Untersuchungen und Theoriebildung und gibt einen Eindruck von den "intendierten Anwendungen" des Behaviorismus (über die üblichen Tierexperimente hinaus). Außerdem, und vor allem, eignet es sich aber als hervorragendes "antipsychoanlytisches Kampfinstrument".

(1) Der Verlauf des Experiments

Die folgende Zusammenfassung ist, aus Gründen, die weiter unten erörtert werden, in allen Details möglichst eng an der ersten Darstellung des Experiments (vgl. Watson & Rayner, 1920) orientiert:

Die Versuchsperson Albert B., der Sohn einer Amme am Harriet-Lane-Hospital, ist zu Beginn des Experiments 9 Monate alt; er wird als gesund, gleichmütig und unemotional beschrieben.

In einer Vorstudie wird Albert daraufhin untersucht, ob er Furcht zeigt vor lebenden Tieren, wie z.B. einer weißen Ratte, einem Kaninchen, einem Hund, einem Affen, und vor verschiedenen Objekten wie Baumwolle, menschlichen Masken mit und ohne Haaren, brennendem Zeitungspapier. Es zeigt sich, daß dies nicht der Fall ist, daß Albert stets neugierig danach greift, wie bei anderen unbekannten Gegenständen.

Andererseits kann man eine starke Furchtreaktion ("fear response") beobachten, wenn man hinter ihm mit einem Hammer auf eine ca. 90 cm lange und 1,9 cm dicke Eisenstange schlägt. Dies geschieht nach folgender Prozedur: Einer der beiden Experimentatoren (Rosalie Rayner) veranlaßt Albert, seinen Kopf zu drehen und ihre Hand zu fixieren, während der andere (Watson) hinter dem Kind steht und fest auf die Eisenstange schlägt.

Zwei Monate später beginnt dann das eigentliche Experiment, dessen zeitlichen Verlauf Watson und Rayner durch Altersangaben von Albert dokumentieren:

Es findet in einem kleinen Raum mit hellem, künstlichem Licht statt. Auf einem großen, niedrigen Tisch liegt eine Matratze, auf der jeweils Albert und die Experimentatoren sitzen. Das gesamte Experiment wird mit einer Filmkamera aufgezeichnet. Auf den Photos, die aus diesem Film stammen, sieht man stets Rayner links neben Albert auf der Matratze sitzen, während Watson die verschiedenen Manipulationen von rechts vornimmt.

1. Aufbau konditionierter emotionaler Reaktionen ("conditioned emotional responses")

11 Monate 3 Tage:

1. Kombinierte Reizung ("joint stimulation"): Die weiße Ratte wird plötzlich aus dem Korb genommen. Albert streckt die Hand nach ihr aus. Als er das Tier berühren will, wird unmittelbar hinter seinem Kopf auf die Stange geschlagen. Albert schreckt auf, fällt vornüber, vergräbt sein Gesicht, weint aber nicht.

2. Kombinierte Reizung: Als er wieder nach der Ratte greifen will, wird die Stange noch einmal geschlagen; er fährt wieder auf, fällt vornüber und beginnt zu wimmern.

11 Monate 10 Tage:

1. Reaktionstest mit Ratte: Die Ratte wird "plötzlich dargeboten", ohne Lärm. Albert fixiert sie; zeigt zunächst keine Neigung, nach ihr zu greifen; erst als sie näher herangebracht wird, zaghafte Greifbewegungen mit der rechten Hand; als die Ratte mit der Nase seine Hand berührt, zieht er die Hand zurück; nun beginnt er, den linken Zeigefinger gegen ihren Kopf auszustrecken, zieht ihn aber, bevor es zur Berührung kommt, plötzlich weg.

Watson und Rayners Schlußfolgerung: "Man sieht, daß die beiden kombinierten Reizungen der vergangenen Woche nicht ohne Wirkung geblieben sind." (a.a.O.; S. 4; Übers.: G.S.)

Reaktionstest mit Bauklötzen: Albert beginnt, damit zu spielen.

Es folgen nun drei kombinierte Reizungen mit Ratte und Geräusch.

2. Reaktionstest mit Ratte: Albert verzieht das Gesicht, wimmert, dreht den Körper abrupt nach links.

Weitere zwei kombinierte Reizungen mit Ratte und Geräusch.

3. Reaktionstest mit Ratte: Albert schreit, dreht sich nach links, fällt vornüber, krabbelt so schnell er kann auf den Rand der Matratze zu.

Hierzu Watson und Rayner: "Das war der überzeugende Fall einer vollständig konditionierten Furchtreaktion ... ." ( a.a.O.; S. 5; Übers.: G.S.)

2. Überprüfung der Generalisierung ("transfer")

11 Monate 15 Tage:

Reaktionstest mit Bauklötzen: Albert spielt wie üblich.

4. und 5. Reaktionstest mit Ratte (unterbrochen durch eine Spielepisode mit Bauklötzen): Albert wimmert, zieht die rechte Hand zurück, krabbelt davon.

Zwischen den nächsten Reaktionstests liegen stets wieder Spielepisoden mit Bauklötzen:

Reaktionstest mit Kaninchen: Albert lehnt sich zurück, wimmert, bricht in Tränen aus, vergräbt sein Gesicht, krabbelt davon.

Reaktionstest mit Hund: schwächere Reaktion als auf Kaninchen; Albert schreckt zurück; als Hund näherkommt, versucht Albert, auf alle Viere zu kommen, schreit aber nicht; als Albert flach auf dem Boden liegt, wird der Hund näher an sein Gesicht gebracht: Albert richtet sich auf, fällt um, wendet seinen Kopf und beginnt zu schreien.

Reaktionstest mit Pelzmantel aus Seehundfell: Albert zieht sich auf die linke Seite zurück und wird mürrisch; als man den Mantel ganz nah zu ihm hinlegt, dreht er sich um, beginnt zu schreien und krabbelt davon.

Reaktionstest mit Watte in Papierpacket (Watte kommt an einem Ende heraus) wird auf seine Füße gelegt: stößt sie fort; wenn man seine Hände auf die Watte legt, zieht er sie zurück; beginnt dann mit dem Papier zu spielen, aber ohne die Watte zu berühren; bis zum Ende der Stunde hat er die Angst vor der Watte weitgehend verloren.

Reaktionstest mit Watsons Haaren (Watson beugt sich zu Albert herab): Albert reagiert "completely negative".

Reaktionstest mit Haaren der Assistentinnen: Albert greift sofort danach und beginnt damit zu spielen.

Reaktionstest mit bärtiger Nikolausmaske durch Watson: heftige "negative Reaktion".

11 Monate 20 Tage:

Reaktionstest mit Bauklötzen: Albert spielt wie üblich.

Reaktionstest mit Ratte: Albert zieht sich zurück, schreit nicht.

8. kombinierte Reizung: Ratte - Geräusch

Reaktionstest mit Ratte: stärkere Furchtreaktion als vorher, aber kein Schreien.

Reaktionstest mit Kaninchen: Albert lehnt sich weit nach links, fällt aber nicht um; wimmert, jedoch nicht so stark wie in früheren Durchgängen.

Raumwechsel in einen größeren Raum mit Tageslicht.

Kombinierte Reizungen mit Ratte, Kaninchen und Hund; unvorhergesehen beginnt der Hund, Albert laut anzubellen; Albert ist sehr erschrocken.

Schlußfolgerung:

"Nach den obigen Ergebnissen scheint es, daß emotionale Generalisierungen tatsächlich stattfinden. Weiter sieht es so aus, daß die Anzahl der Generalisierungen, die aus einer experimentell hervorgerufenen Reaktion entstehen, wohl sehr groß ist. In unseren Experimenten hatten wir aber keine Möglichkeit, die vollständige Zahl der Generalisierungen zu untersuchen, die möglicherweise vorkommen können." ( a.a.O.; S. 10; Übers.: G.S.)

Das Original:
Watson, John B. & Rayner, Rosalie (1920). Conditioned emotional reaction.
Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.
http://psychclassics.yorku.ca/Watson/emotion.htm (00-01-20)

3. Die Dauerhaftigkeit konditionierter Reaktionen

12 Monate 20 Tage:

Vier Wochen später, Alberts Mutter hat ankündigt, daß sie ihn aus der Klinik nehmen werde, findet die nächste und letzte experimentelle Sitzung statt. Watson und Rayner testen noch einmal die Ratte und alle generalisierten Reize. Albert zeigt bei ihnen allen Furcht, wechselt allerdings bei Seehundmantel und Kaninchen zwischen Annäherung und Rückzug. Die Reaktion auf die Ratte selber wird wie folgt beschrieben:

"Er erlaubte der Ratte, auf ihn zu zu krabbeln, ohne daß er zurückzuckte. Er saß still und fixierte die Ratte gespannt. Die Ratte berührte seine Hand. Albert zog sie sofort zurück, lehnte sich dann so weit wie möglich zurück, schrie aber nicht. Als die Ratte auf seinen Arm gesetzt wurde, wich er zurück, begann ärgerlich zu werden und neigte den Kopf. Er erlaubte dann der Ratte, auf seine Brust zu krabbeln. Zunächst wurde er wieder etwas ärgerlich und bedeckte dann seine Augen mit beiden Händen." (a.a.O.; S. 11 Übers.: G.S.)

Daraus schließen Watson und Rayner: "Diese Experimente zeigen, daß direkt konditionierte emotionale Reaktionen, ebenso wie solche, die durch Generalisierung entstanden sind, länger als einen Monat anhalten, wenn auch mit einem gewissen Verlust an Intensität der Reaktion. Unserer Ansicht nach bleiben sie ein ganzes Leben lang bestehen und verändern die Persönlichkeit." ( a.a.O.; S. 12; Übers.: G.S.)

Einige Einwände

Betrachtet man die weitreichenden Schlüsse, die Watson & Rayner aus diesem Experiment ziehen, und dazu die intensive Rezeption in den letzten inzwischen 75 Jahren (natürlich enthält auch "der neue Zimbardo" wieder eine Darstellung; vgl. Zimbardo, 1992), so kann dies auf dem Hintergrund der mehr als bescheidenen methodischen Qualität des Albert-Experiments nur verwundern:

Eine Versuchsperson hat einmal genau einen konditionierten Reflex gelernt. Hat sie wirklich etwas gelernt? Und was genau wurde in diesem Experiment "bewiesen"? Wir werden gleich sehen, daß dies bei diesem Versuchsdesign kaum zu beantworten ist; und zwar vor allem aus vier Gründen:

1. Die fehlende Operationalisierung der Variablen

Die zu konditionierende Reaktion "Furcht" ist kaum operationalisiert und wird an äußerst vagen Indizien abgelesen ("verzieht das Gesicht", "wimmert", "fällt vorn über"); damit ist die Feststellung zentraler Variablen von subjektiven Interpretationen abhängig. (Von Quantifizierung kann natürlich keine Rede sein!)

2. Die mangelnde Kontrolle der Variablen

Das "realitätsnahe" Versuchsdesign hat zweifellos die Popularität des Experiments begünstigt und hat es auch für konsequente "Empiriker" wie Eysenck oder Seligman attraktiv gemacht (vgl. Eysenck, 1985, Seligman, 1971). Beginnt man aber, sich mit seinen (in der Veröffentlichung beschriebenen!) Details zu befassen, so bleibt bald von seiner Überzeugungkraft kaum noch etwas übrig:

Eine Reihe von Indizien (seine Beschreibung der Lärmerzeugung (s.o.) und die Photos) legen nahe, daß es wohl immer Watson selber war, der die Eisenstange geschlagen und die Gegenstände und Tiere dargeboten hat, während Rayner neben Albert gesessen hat. Im Experiment zeigt sich nun, daß Albert mit den Haaren Watsons nicht spielen möchte, wohl aber mit denen zweier anderer Personen (vermutlich ist eine davon Rayner, die andere Alberts Mutter). Dies legt die Vermutung nahe, daß die "Person Watson" zum "bedingten Reiz" wurde ("der, der es knallen läßt").

Nun ist aber die Wirkung der "neutralen" Testobjekte, die, wie angenommen wird, eine generalisierte Furcht auslösen soll, kaum noch von der Wirkung der darbietenden Person Watson zu trennen. Die Generalisierungshypothese beginnt zu wanken.

3. Die "Zielgerichtetheit" der "Fakten"-Interpretation

Die tatsächlich gemachten und dargestellten Beobachtungen werden äußerst selektiv im Sinne der Versuchshypothese interpretiert, widersprüchliche "Fakten" werden ignoriert:

4. Eine experimentelle Replikation mißlingt

Viele dieser Fragen haben sich Watsons Zeitgenossen sicher auch gestellt, und mehrere haben versucht, ihnen durch eine Replikation des Experiments nachzugehen. Aber weder intensive Beobachtungen natürlicher Situationen (vgl. Valentine, 1930) haben einen weiteren Nachweis der Angstkonditionierung durch Lärm erbringen können, noch ist es Bregman (1934) in analogen Experimenten gelungen, auch nur bei einem von 15 untersuchten Kindern durch Lärm eine bedingte Furcht zu induzieren. (Vgl. dazu Harris, 1979)

Warum wird aber ein solches Experiment in der Psychologiegeschichte immer wieder zitiert und dargestellt, das in so gravierender Weise die Grundsätze der "naturwissenschaftlich"-empirischen Psychologie verletzt, für deren Gründung es schließlich stehen soll? Einige Anhaltspunkte dafür ergeben sich, wenn man seine Rezeption durch die Behavioristen selber etwas näher betrachtet.

(3) Der Mythos des Musterbeispiels innerhalb der scientific community

1. Watsons eigene Interpretation und die Kampfansage an die Psychoanalyse

Watson ist von der Verallgemeinerungsfähigkeit seiner Ergebnisse fest überzeugt. Er ist sicher, nun endlich den naturwissenschaftlichen Nachweis geführt zu haben, daß Furchtreaktionen und möglicherweise eine Vielzahl anderer emotionaler Reaktionen konditionierte Ursprünge haben können:

"Unsere Aufzeichnungen liefern also einen überzeugenden Nachweis, für die Ausbreitung und die Übertragung der Reaktion." (Watson, 1968, Original 1930; S. 174)

Darüber hinaus glaubt er, sein Experiment sei auch von grundsätzlicher methodologischer Bedeutung, und von nun an könnten die Pawlowschen Experimente als Prototyp gelten für die experimentelle Untersuchung von menschlichem emotionalen Verhalten:

"Wir haben in diesen Übertragungen einen weiteren Beweis dafür, daß konditionierte Gefühlsreaktionen mit anderen konditionierten Reaktionen Ähnlichkeit haben." (a.a.O.)

In späteren Darstellungen der eigenen Arbeit von 1920 werden die Interpretationen Watsons immer kühner. Während Watson und Rayner im Original noch betonen, über Art und Zahl der Objekte mit generalisierter Wirkung keine Aussage machen zu können (vgl. Watson & Rayner, 1920; S. 10), behauptet Watson 10 Jahre später, es sei zu einer Generalisierung auf "alle behaarten Objekte" gekommen (vgl. Watson, 1930).

Insgesamt glaubt Watson, in dieser Methodik die "Gans" gefunden zu haben, die "goldene Eier legt" (a.a.O.; S.172), und er weitet seine Argumentation aus bis hin zur interparadigmatischen Polemik:

Spätestens seit dem Albert-Experiment nimmt er vermehrt die Psychoanalyse ins Visier. Er glaubt, nun einen Schlüssel dafür gefunden zu haben, die äußerst komplexen Erklärungen der Psychoanalytiker zur Entstehung von Phobien zu "widerlegen". Am Ende ihrer Veröffentlichung nehmen sich Watson und Rayner (1920) die Freudsche Auffassung von der Triebentwicklung auf der alleinigen Basis des Sexualtriebes vor. Das Experiment, so führen sie aus, habe gezeigt, daß die Furcht als eine ursprüngliche, angeborene Emotion aufgefaßt werden muß, die unabhängig von sexuellen Prozessen ist:

"Furcht ist in ihrem Einfluß auf die Persönlichkeit ein primärer Faktor wie Liebe. Furcht erhält nicht ihre Kraft in irgendeiner abgeleiteten Form von der Liebe. Sie gehört zur originären und angeborenen Natur des Menschen." (a.a.O.; S. 14; Übers: G.S.)

Fest überzeugt von der Überlegenheit ihrer Erklärungen, polemisieren sie am Schluß ihrer Veröffentlichung über die tiefenpsychologische Interpretationsweise:

"In 20 Jahren werden die Freudianer, vorausgesetzt, sie ändern ihre Hypothesen nicht, bei der Analyse von Alberts Angst vor Pelzmänteln - angenommen er käme in diesem Alter in die Analyse - aus ihm vielleicht einen Traum herauskitzeln, der gemäß ihrer Analyse zeigen wird, daß Albert im Alter von drei Jahren versucht hat, mit den Schamhaaren seiner Mutter zu spielen, wofür er heftig bestraft worden ist." (Watson & Rayner, 1920; Übers: G.S.)

Damit ist sicherlich ein gemeinsamer Nenner der meisten Behavioristen angesprochen: Man tritt an, eine empirisch begründete Theorie vorzulegen, die den "erstickenden Seelenqualm" (Watson, 1913) auch der Tiefenpsychologen überwindet; und was ist wirksamer, als diese auf ihrem eigenen Gebiet, der Neurosenentwicklung dadurch zu "überholen", daß man eine elegantere Theorie konzipiert, die gleichzeitig den postulierten methodologischen Anforderungen genügt. Das Experiment mit dem "Kleinen Albert" verspricht zumindest, daß dies erreichbar sein wird. Kurz gesagt: An den "kleinen Albert" glauben heißt, an die Überlegenheit des behavioristischen Programms über die Psychoanalyse glauben.

Das Experiment mit dem "Kleinen Albert" ist nun das Musterbeispiel der behavioristischen Humanpsychologie: Es manifestiert die behavioristischen Kernannahmen und stiftet die Identität des neuen Paradigmas. Und vor allem: es grenzt ab nach außen. Seine Validität steht damit völlig außer Frage.

2. Der "Kleine Albert" in späteren Veröffentlichungen

Eine große Zahl späterer Rezipienten dieses Experiments bedient sich nun kritiklos der Watsonschen Argumentation und späteren Verallgemeinerungen. Dies tun auch (und gerade) solche Psychologen, die in ihrer Gesamtargumentation so großen Wert auf empirisch-methodische Exaktheit legen und diese gegen ihre Kontrahenten aus anderen Paradigmen argumentativ ins Feld führen (vgl. hierzu die Untersuchung psychologischer Literatur durch Harris, 1979).

Bei der Rezeption des Experiments entsteht der Mythos eines Standardexperiments, dessen Details in der Rezeptionsgeschichte sukzessive immer glatter, unproblematischer und dadurch beeindruckender dargestellt werden; hier einige Beispiele aus deutschsprachigen Lehrbüchern der Psychologie:

In einer Analyse der Darstellungen dieses Experiments in englischsprachigen Standardwerken kommt Harris (1979) zu dem Schluß, daß die stetigen Detail-Metamorphosen in der nachfolgenden Rezeption u.a. folgende Funktionen haben:

  1. Man möchte die ethische Fragwürdigkeit des Versuchsdesigns mildern. (s.o.: "Gong" statt "Eisenstange")
  2. Man möchte den "Effekt" dramatisieren und pointierter darstellen (s.o.: "Spielkamerad", "freundlicher Hase"); wobei man gleichzeitig alle Einzelheiten verschweigt, die die Klarheit des Ergebnisses trüben können (z.B. die schwache Reaktion Alberts nach einem Monat).
  3. Man möchte suggerieren, wie schon Watson in seinen eigenen späteren Zusammenfassungen, die Reizgeneralisierung beziehe sich auf eine klar definierte Merkmalsdimension, womit ein nachträgliches Anpassen der Daten an die Theorie erreicht wird.

Auf dem Hintergrund des Originalexperiments läßt sich kaum auf eine eindimensionale Generalisierung schließen; dies mindestens aus zwei Gründen:

Vergleicht man die "neutralen" Reize, auf die Albert Furcht zeigt (Kaninchen, Hund, Wattepaket, Seehundmantel, Nikolausmaske, Watsons Haare), mit denen, wo er dies nicht tut (Haare der Assistentinnen, Bauklötze), so läßt sich zu allen vorgetragenen Hypothesen (z.B. "Haariges", "behaarte Lebewesen", "Pelzähnliches") schon innerhalb dieses Experiments immer mindestens ein Gegenbeispiel finden.

Auf die Generalisierung einer einzigen Merkmalsdimension läßt sich nur schließen, wenn es sich um eine selektive Reaktion handelt. Da es außer Alberts Bauklötzen keine Reizalternativen gibt, ist dieses "Versuchsergebnis" durch das Design erzwungen; die postulierte "Reizgeneralisierung" auf ein Merkmal ist eine "self-fulfilling prophecy" des experimentellen Designs.

So wird ein Standardexperiment des Behaviorismus, ein "paradigmatisches Musterbeispiel", allmählich zum Mythos. Und es eignet sich immer mehr zum interparadigmatischen "Kampfinstrument":

Noch 1985 ist Eysenck davon überzeugt, daß

".. Watsons Experimente mit dem kleinen Albert (...) zeigen, daß durch einen einfachen Konditionierungsprozeß phobische Ängste erzeugt werden können und diese für lange Zeit bestehen bleiben." (Eysenck, 1985; S. 119)

Wenn auch die Mühe einer methodologischen Kritik von Seiten der Psychoanalyse kaum zu erwarten ist (von hier kommen lediglich ethische Einwände und Argumente gegen die lerntheoretische Auffassung von "Phobien" und deren Therapie), so hätte man sie "von innerhalb" des Behaviorismus doch erwarten können. Allerdings hätte man sich dann eines der "schlagendsten" historischen Argumente beraubt, und der Möglichkeit, den "gesunden Menschenverstand" auf die eigene Seite zu bringen.

Eysenck "gesteht" dieses Motiv (wider Willen):

"Jedoch fügen sich die Fakten bemerkenswert gut zusammen, und zumindest wird uns hier eine alternative Theorie geliefert, die vielen Leuten plausibler klingen dürfte als die ursprünglich von Freud entwickelte." (Eysenck, 1985; S. 121)

So bleibt es denn dabei, daß "der ewige Kampf zwischen den Behavioristen (...) und einer mannigfachen Gegnerschaft, darunter Psychoanalytiker, viele kognitive Psychologen ... und andere mehr" (a.a.O.; S. 212) ganz wesentlich mit der "Albert-Argumentation" bestritten wird.

Zu diesem Experiment findet sich im Internet eine kleine Animation: John B. Watson präsentiert dem Kleinen Albert eine weiße Ratte (A - konditionierter Stimulus) und ein lautes, unangenehmes Geräusch (B - unkonditionierter Stimulus). Nach einigen gleichzeitigen Darbietungen zeigte der Kleine Albert Angst (konditionierte Reaktion) vor der weißen Ratte. Später generalisiert Albert die Angst auf Stimuli, die dem konditionierten Stimulus ähnlich waren, wie z. B. einen Bartträger (C).

[Quelle: http://www.little-albert.de/index/watson.gif]

Der Fall " Little Albert" geht weiter ...

Watson hatte vor seinem Tod im Jahr 1958 sämtliche unveröffentlichten Aufzeichnungen vernichtet und "Little Albert" blieb verschollen, bis sich der Psychologe Hall Beck (Appalachian State University) 2001 auf eine neunjährige Suche nach ihm machte. Berd Graff (2014) schreibt dazu in der Süddeutschen: "Ausgehend von der Altersangabe, die Watson zu "Albert B." gemacht hatte, und dem Hinweis, dass dessen Mutter eine Amme an dem "Harriet Lane Home for Invalid Children" war, das auf dem Johns Hopkins Campus lag, rekonstruierte Beck, dass es drei Frauen gab, die möglicherweise im März 1919 einen "Albert" zur Welt gebracht haben könnten. Eine Afro-Amerikanerin schied sofort aus, der Albert im Film war weißhäutig. Dann gab es noch eine "Pearl Barger", auch sie eine Amme, die zudem noch einen Nachnamen trug, der mit "B" begann. Doch Beck und der Co-Autor seines Aufsatzes, Sharman Levinson, ein Psychologie-Professor an der American University in Paris, konnten keinen Hinweis darauf finden, dass Barger tatsächlich ein eigenes Kind im "Harriet Lane Home for Invalid Children" untergebracht hatte. Blieb also Arvilla Merritte. Sie passte anscheinend perfekt: Geburtstag ihres Sohnes Douglas, seine Hautfarbe, Arbeitsverhältnis als Amme an der Harriet Lane - alles prima. Bis auf den Namen. Warum nur sollte Watson nicht von einem "Douglas M." in seinem Aufsatz gesprochen haben, sondern von "Albert B.", wenn er mit Douglas Merritte arbeitete? Beck ließ sich von den mittlerweile ausfindig gemachten Nachfahren der Arvilla Merritte Fotos des jungen Douglas geben und brachte sie zusammen mit Porträt- Close-ups aus Watsons Experimentfilm zu William Rodriguez, einem forensischen Anthropologen und früheren Vorstand der Armee-Pathologie nach Washington. Rodriguez verglich die Bilder - und konnte zumindest nicht ausschließen, dass die Gesichter auf den vorgelegten Fotos tatsächlich zu einer identischen Person gehören könnten. Beck suchte weiter, konnte nichts wirklich Erhellendes finden, aber auch nichts, was seine Theorie widerlegte. Also veröffentlichte er 2009 seinen Aufsatz im Tenor: Little Albert kann als Douglas Merritte identifiziert werden. Als dieser Douglas Merritte wird "Albert B." auch heute noch in der deutschen Wikipedia im Eintrag zum Little-Albert-Experiment geführt. Doch das ist keineswegs gewiss. Denn 2011 erschien im Journal History of Psychology ein Aufsatz von Russell Powell, einem Psychologie-Professor an der MacEwan University in Edmonton, in dem dieser Becks Beweisführung stark anzweifelte, aber auch nicht widerlegen konnte. Auch damit nicht genug. Denn im Jahr 2012 veröffentlichte Beck einen Folge-Beitrag, diesmal zusammen mit Alan Fridlund, einem Psychologen an der University of California in Santa Barbara. Dieser hatte sich den Watson-Film genauer angesehen und die These aufgestellt, Little Albert sei ganz bestimmt nicht das gesunde Kerlchen, als das es Watson ausgegeben hatte. Er vermutete neurologische Störungen bei dem Kind. Das führte nun zu William Goldie, einem Kinder-Neurologen, der auch Dritt-Autor in Becks Folge-Paper wurde.

Onkel Albert hatte keine Kinder, lebte mehr oder weniger allein und fürchtete sich vor Hunden

Goldie hatte keine Ahnung, um was es sich bei dem Experiment handelte. Er sah aber: Das Kind reagiert nicht normal auf die angebotenen Reize. Außerdem funktionieren seine Hände für ein neun Monate altes Kind angeblich nicht altersgemäß: Der Junge schaufele mit der Hand, statt Zeigefinger und Daumen wie eine Pinzette zu gebrauchen. Und schließlich fand man auch noch die Krankenakte von Douglas Merritte. Das Kind war tatsächlich schwerbehindert, hatte einen angeborenen Wasserkopf und litt auch noch an einer durch ärztliche Behandlung verursachten Hirnhautentzündung. Außerdem hatte es Untergewicht: Es wurde nicht schwerer als 15 Pfund. Douglas Merritte war ein sehr krankes Kind, war wiederholt in der Klinik und verstarb im Mai 1925. Was sagt das nun über Watson aus, der ja behauptet hatte, dass sein Little Albert ein gesundes, ja, "eines der am besten entwickelten Kinder" gewesen sei? Und nun das: Hatte er auch noch gelogen? Sollte das stimmen, wäre es endgültig um seinen Ruf in der Wissenschaft geschehen. Nachdem dieser Aufsatz veröffentlicht war und heftige Explosionen in der Fachwelt ausgelöst hatte, diskutierte Powell, der ja nie an die Albert=Douglas-These geglaubt hatte, die nun aufgekommene Krankengeschichte mit Nancy Digdon, seiner Kollegin an der MacEwan University. Sie fanden, dass man auf den körnigen Filmbildern nichts erkennen könne, das substanzielle Schlüsse zulasse - und machten sich selber auf die Suche nach Little Albert. Die beiden fokussierten sich auf die Dame mit dem verführerischen "B" im Namen, auf Pearl Barger. Sie kontaktierten den Genealogen Christopher Smithson in Baltimore, der ein wenig Ahnenforschung zu Barger betrieb, und herausfand, dass diese sogar drei Kinder hatte, eines davon auch Albert hieß, allerdings mit Zweitnamen, dass es im März 1919 geboren und kerngesund war, dass sie aber kurz nach dem Watson-Experiment einen Mann namens Martin heiratete, dessen Namen sie und die Kinder annahmen. Albert B. war demnach ein William Albert Barger und ab 1920 ein Albert Martin gewesen. Für Russell A. Powell und Nancy Digdon kann die Albert-Akte nun geschlossen werden. Sie argumentieren mit "Ockhams Rasiermesser": "Argumente und Gegenargumente kann man für jedes historische Phänomen aufzählen - wie die ganzen Verschwörungstheorien ja belegen. Glücklicherweise ist Ockhams Rasiermesser, eine Haltung, die besagt, dass man diejenigen Erklärungen bevorzugen soll, welche nach den wenigsten Vorannahmen verlangen." Inzwischen hat sich der Journalist Tom Bartlett für den Chronicle of Higher Education aufgemacht, noch lebende Verwandte von Albert Martin zu finden - und er ist fündig geworden. Eine Nichte in Baltimore, Dorothy Parthree, berichtet, dass ihr Onkel Albert Martin keine Kinder hatte, seit einer Scheidung mehr oder weniger allein lebte - und dass er große Angst vor Hunden hatte. Ansonsten sei er munter gewesen. Von einem Experiment habe er nie erzählt, vermutlich habe er selber auch nichts davon gewusst. Auch nicht, dass seine Mutter einst als Amme gearbeitet hatte. Vielleicht wusste er all das nicht, weil seine Mutter ihm nicht die Tatsache zumuten wollte, dass er als außereheliches Kind auf die Welt kam. Man weiß nicht, was er wirklich nicht wusste. Albert Martin, geborener Barger, starb im Jahr 2007. Da war er 87 Jahre alt. Vielleicht war er der berühmteste Little Albert der Welt. Die Debatte geht weiter" (Graff, 2014).

Quellen & Literatur

Sämmer, Günter (1999). Die Paradigmen der Psychologie. Eine wissenschaftstheoretische Rekonstruktion paradigmatischer Strukturen im Wissenschaftssystem der Psychologie
WWW: http://home.t-online.de/home/saemmer/dis/diskap6.htm (00-05-24)
Bandura, A. (1976). Einfluss der Verstärkungskontingenzen des Modells auf den Erwerb der Nachahmungsreaktionen. In A. Bandura (Hrsg.), Lernen am Modell. Ansätze zu einer sozialkognitiven Lerntheorie (S. 115-129). Stuttgart: Klett.

Bandura, A. (1976).Die Analyse von Modellierungsprozessen. In A. Bandura (Hrsg.), Lernen am Modell. Ansätze zu einer sozial-kognitiven Lerntheorie (S. 9-67). Stuttgart: Klett.

Bandura, A. (1979). Aggression. Eine sozial-lerntheoretische Analyse. Stuttgart: Klett.

Graff, B. (2014). Was geschah mit Baby B.? Süddeutsche vom 15. Juni 2014

Das klassische Original:
Watson, John B. & Rayner, Rosalie (1920). Conditioned emotional reaction. Journal of Experimental Psychology, 3, 1-14.
WWW: http://psychclassics.yorku.ca/Watson/emotion.htm

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